Frankfurter Rundschau,
19.02.2004
Risiken durch Fesseln waren schon vor Ageebs
Tod bekannt
BGS-Ausbilder sagt im Prozess um erstickten
Sudanesen aus / Lebensgefahr durch bestimmte Zwangsmittel seit 1997 im Gespräch
Bereits seit 1997 war bei Ausbildern des Bundesgrenzschutzes
bekannt, dass bestimmte Fesselungen tödlich sein können. Das sagte
ein BGS-Ausbilder am Mittwoch im Prozess um den Erstickungstod des Abschiebehäftlings
Aamir Ageeb 1999.
Frankfurt a. M. · 18. Februar · Ob von BGS-Kollegen oder im privaten
Ju-Jutsu-Training, jedenfalls habe er 1997 von Fällen in den USA gehört,
wo Gefangene den so genannten "lagebedingten Erstickungstod" gestorben
waren. Das sagte Bernd S., damals Ausbilder der Schule für Grenzpolizei
und Luftsicherheit, vor dem Frankfurter Amtsgericht. Er habe das Problem mit
Kollegen besprochen und bei der Leitung der Lehrgänge für die Ausbilder
nachgefragt, ob sie von dem Phänomen Kenntnis hätten. Diese bejahten
und erklärten, dass S. bei seinem nächsten Lehrgang 1998 auch dahingehend
geschult würde. In seinem eigenen Unterricht solle er aber ruhig schon
jetzt vermitteln, dass bestimmte Fesselungen und Fixierungen zum Tode führen
könnten und deshalb nicht angewendet werden dürften. Dies habe er
dann auch getan.
Der im Mai 1999 in einem Lufthansa-Flugzeug erstickte Ageeb war nach bisherigem
Kenntnisstand an seinem Todestag auf zwei Weisen gefesselt worden, die beide
als Auslöser des lagebedingten Erstickungstodes gelten. Eine davon wurde
im Flugzeug angewandt: Dort hatte er gesessen, die Hände im Schoß
gefesselt, außerdem Arme hinten sowie Beine am Sitz festgebunden. Offenbar
nachdem er beim Startvorgang geschrieen hatte, hatten ihn laut Zeugenaussagen
die drei angeklagten BGS-Beamten mit dem Oberkörper nach unten gedrückt.
Zwei von ihnen nahmen offenbar an den damals freiwilligen Schulungen teil, es
ist aber nicht klar, welchen Kurs sie belegt haben.
Zuvor hatten Zeugen erklärt, "alte Hasen" des BGS hätten
das Hinunterdrücken empfohlen, um die Schreie eines Abzuschiebenden zu
unterbinden. Ausbilder S. sagte, dies sei ihm nicht bekannt, zumal der Gefesselte
dann keine Luft mehr bekäme, "und dann ist irgendwann das Zappeln
zu Ende".
VON YVONNE HOLL