taz, 25.03.2008
Deutschtürke stirbt in Polizeigewahrsam
Verdacht auf lagebedingtes Ersticken
Vielleicht ist Adem Özdamar durch seine Behandlung im
Polizeirevier von Hagen erstickt worden. Doch gegen Beamte würde kaum ermittelt,
sagt die Familie des Toten.
Im Fall des im Polizeigewahrsam tödlich verletzten Deutschtürken
Adem Özdamar erheben Anwälte und die Familie des Toten neue schwere
Vorwürfe gegen Polizei und Untersuchungsbehörden. "Die Ermittlungen
der Hagener Staatsanwaltschaft waren von Beginn an völlig einseitig",
sagte der Frankfurter Anwalt der Familie, Adam Rosenberg, der taz.
So hätten sich die Untersuchungen nicht auf die beteiligten Polizisten
konzentriert. Stattdessen wurde Özdamars Wohnung durchsucht. "Die
Ermittlungen richteten sich von Anfang an nur gegen meinen Mandanten",
sagt Rosenberg. "Das riecht nach Kameraderie zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft."
Anwälte und Familie vermuten, Özdamar könne schon am 17. Februar
auf der Polizeiwache in der Hagener Prentzelstraße erstickt sein. Zuvor
hatte er sich - wohl unter Kokaineinfluss - verfolgt gefühlt und deshalb
selbst die Polizei gerufen. Auf der Wache sei Özdamar dann "durchgedreht",
habe einen Polizisten am Finger verletzt, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft
Hagen, Reinhard Rolfes. Özdamar sei daraufhin von mindestens sieben Polizisten
gewaltsam an Händen und Füßen gefesselt und mit dem Bauch nach
unten auf eine Trage gebunden worden. Geholfen hätten auch zwei herbeigerufene
Rettungssanitäter.
Dabei setzten die Polizisten massive Gewalt ein. "Mir liegt ein radiologisches
Gutachten vor, nach dem Herrn Özdamar das Nasenbein gebrochen wurde",
sagt der Hagener Anwalt der Familie, Jürgen Klenk. Trotz Wiederbelebungsversuchen
fiel Özdamar in ein Koma, aus dem er nie wieder erwachte: Der 26-Jährige
starb nach einem ersten Bericht der Gerichtsmedizin am 5. März an einem
Gehirnödem.
Unseriös sei dieser vorläufige Bericht, hält Anwalt Rosenberg
dagegen. "Untersucht wurde lediglich Gewalteinwirkung von außen,
nicht aber Ersticken." Auch der Bruder des Toten, Salih Özdamar, weist
seit Beginn der Untersuchungen darauf hin, dass es drei Minuten gedauert habe,
bis die als Fesseln dienenden Kabelbinder gelöst werden konnten - erst
danach konnte eine Notärztin mit der Reanimation beginnen.
Jurist Rosenberg geht davon aus, dass Özdamar Opfer des sogenannten lagebedingten
Erstickungstods wurde, vor dem Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl bereits
seit Jahren warnen: Erhöhte Adrenalinausschüttung im Gehirn, etwa
durch einen vorausgegangenen Kampf, führt zu einem erhöhten Sauerstoffbedarf.
Dieser kann jedoch wegen der Bauchlage des Festgenommenen nicht gestillt werden.
Der Gefesselte wehrt sich immer stärker, kämpft um Luft zum Leben
- und nicht gegen die Polizisten, die immer fester zudrücken.
Opfer dieser lagebedingten Erstickung wurde etwa der sudanesische Abschiebehäftling
Aamir Ageeb, der 1999 beim Start eines Lufthansa-Flugs mit einem Motorradhelm
auf dem Kopf von drei Bundesgrenzschutzbeamten zu Tode gepresst wurde. Ein Merkblatt
der nordrhein-westfälischen Polizei warnt deshalb ausdrücklich vor
dem lagebedingten Erstickungstod. Der sei ein "absolut bekanntes Phänomen",
das auch im Fall Özdamar untersucht werden müsse, so der Chef des
rechtsmedizinischen Instituts der Universität Bonn, Burkhard Madea, gegenüber
der Frankfurter Rundschau.
Özdamars Familie hofft deshalb weiter auf die Ergebnisse einer rechtsmedizinischen
Untersuchung in der Türkei. Dort ist der Tote mittlerweile obduziert worden,
wie eine Sprecherin des Justizministeriums in Ankara bestätigt. Ergebnisse
liegen noch nicht vor.
Özdamars Gehirn können die türkischen Rechtsmediziner nicht
untersuchen. Die Hagener Staatsanwälte haben das Organ für weitere
Untersuchungen entnehmen lassen. Die Familie des Toten wurde darüber nicht
informiert - "aus Pietätsgründen", wie Oberstaatsanwalt
Rolfes sagt. Für den Ermittler steht eines ohnehin schon fest: "Özdamar
ist nicht erstickt. Es waren doch zwei Rettungssanitäter dort."
VON ANDREAS WYPUTTA